Interviews

01.07.2011: "Manchmal reicht die Phantasie nicht aus"

erschienen auf handelsblatt.com am 01.01.2011

Markus Will ist Autor des Bestsellers „Bad Bankers“. In seinem neuen Buch widmet er sich der Schuldenkrise.Darin muss er gerade einiges neu formulieren, weil ihn die Wirklichkeit überholt.

 

Handelsblatt: Herr Will, Sie müssen ihr neuestes Buch „DerSchwur von Piräus“ umschreiben, weil Dominique Strauss-Kahnerst verhaftet wurde und nun womöglich wieder freikommt?

Wie heisst es so schön: "The jury is still out", aber es ist ganzklar eine dramatische Wende zu seinen Gunsten. Das muss ich beschreiben, klar! Ich mache das Ganze in einem Dialog meiner Figuren,in dem im Prinzip alle Seiten zu Wort kommen, weil die nicht einer Meinung sind.

 

Handelsblatt: Wird das ein Sachbuch?

Nein, ein Thriller. Aber eben einer, dem ein realer Zeitstrang zu Grunde liegt, auf dem die Fiktion aufgebaut ist.

 

Handelsblatt: Verstehe ich nicht . . .

Es geht um den Weltwährungskrieg, um die Krise in der Eurozone und die Währungsspekulationen zwischenChina und den USA. Die Handlung beginnt im Jahr 2010 und reicht in die Gegenwart, nimmt also auch noch die aktuellen Debatten und Demonstrationen in Athen im Parlament und davor auf dem Syntagma-Platz auf. Die Treffen der Wirtschaftsführer in Davos, die Verhandlungen um den Euro-Rettungschirm – all das kommt vor. DerIWF spielt dabei natürlich auch eine zentrale Rolle und damit auch Strauss-Kahn. Fiktion ist, dass ich einen Büroleiter von Strauss-Kahn erfunden habe, der einer der Hauptfiguren in dem Roman ist.

 

Handelsblatt: Und da sind Sie von der Wirklichkeit überholt worden?

Für das, was wirklich geschieht, reicht die Phantasie manchmal gar nicht aus. Sowohl in New York als aber auch in Athen. Gucken Sie sich doch die Situation in Griechenland an: Da wird der Verteidigungsminister mit einmal Finanzminister und sagt so einen Satz wie: „Jetzt ziehe ich in den wirklichen Krieg.“ Das kann man gar nicht besser erfinden.

 

Handelsblatt: An welche Strauss-Kahn-Version glauben Sie? Ist er schuldig oder war es eine Verschwörung?

Das lasse ich offen, auch nach der aktuellen Entwicklung, ich bin kein Richter, ich berichte nur, aber es sichsicher eine Entwicklung, die den "Verschwörern" Nahrung gibt. Was für eine Geschichte, das muss man sich einmal vorstellen!. Aber Sie können als Romanautor ja nicht über real existierende Figuren urteilen, sie verurteilen oder freisprechen.

 

Handelsblatt: Wenn Sie so aktuell sind - wird ihr Buch dann nicht ganz schnell alt?

Nein, die eigentliche Romanhandlung ist zeitunabhängig. Erstens gibt es immer wieder einige Spione und ein paar Morde auf der Strecke und zweitens geht es um das Thema eines Weltwährungssystems, und das ist in fünf Jahren auch noch interessant. Egal, ob eine der Währungen auf der Welt dann noch Euro heißt oder nicht.

 

Handelsblatt: Weltwährungssystem klingt nicht gerade nach einer Thriller-Handlung . . .

Ich setze da an, wo ich bei meinem vorherigen Buch, dem „Bad Banker“ aufgehört habe. Da gab es einen Epilog, auf den ich ein wenig stolz bin, weil da eine Formulierung steht, die "Lehmans griechische Stiefbrüder" lautet. Die Hauptfiguren aus dem Buch, die Journalistin Carla Bell und der Bankmanager Carl Bensien sind wieder dabei.Bensien ist Auftraggeber eines Quartetts, das sich als Studenten geschworen hat, ein stabiles Währungssystemzu schaffen. Bensien aktiviert angesichts der Währungskrisen diese Viererbande.

 

Handelsblatt: Wie kommen Sie auf das Thema?

Ich habe Währungspolitik studiert. Die Theorie kann ich noch ganz gut. Und dann müssen Sie ja nur zuschauen,was um uns herum passiert. Und sich solche Sätze wie den von Weltbankpräsident Robert Zoellick merken, der dafür plädiert hat, einen Goldstandard wieder einzuführen.

 

Handelsblatt: Kohl und Mitterand: Die Problemväter des EuroIst das Ihre These?

Nein. Aber das meinte auch Zoellick nicht wirklich. Was er meinte, ist, dass die Welt nach einem stabilen Standard für Währungen lechzt. Ich habe in meinem Buch eine solche Währung erfunden.

 

Handelsblatt: Klingt anspruchsvoll. Versteht das einer?

Während ich schreibe, habe ich nicht nur einen professionellen Lektor vom Verlag, sondern auch meineTestleser. Das sind in diesem Fall zwei Wirtschaftswissenschaftler und drei völlig Unbeteiligte. Die einen müssen mir sagen, ob meine theoretischen Konstruktionen nicht zu abseitig sind. Die anderen müssen beurteilen, ob das ganze wirklich spannend und lesbar ist.

 

Handelsblatt: Was glauben Sie: Wie geht es weiter mit dem Euro?

Die Problem-Väter des Euro heißen Helmut Kohl und Francois Mitterand. Ihr Erbe ist, dass sie den Euro als ein politische Projekt installiert haben und nicht als ein ökonomisches. Es fehlte die so genannte realökonomische Integration, die geldtheoretisch vor einer monetären stehen müsste. Es war eine Tagträumerei zu glauben, dass sich die Mitgliedsländer der Eurozone freiwillig fiskalpolitische Regeln auferlegen. Das gilt insbesondere für Griechenland, aber auch einige andere, die nicht reif waren. Deswegen läßt sich die Krise jetzt auch nur politischlösen.

 

Handelsblatt: Wieso war Griechenland nicht reif?

Zunächst einmal, ich mag Griechenland, aber wissen Sie, als Student habe ich jahrelang über einemgriechischen Lokal gewohnt. Der Ouzo war prima, das Zatziki auch. Aber als ich anfing, mit dem Wirt zupolitisieren, war mir schnell klar, dass die Unterschiede doch sehr groß sind. Griechenland hätte viel mehr Zeitgebraucht.

 

Handelsblatt: Was also muss passieren, damit sich der Euro hält?

Kohls und Mitterands Nachfolger Merkel und Sarkozy müssten sich zu wirklichen Baumeistern eines europäischen Hauses aufschwingen und eine politische Lösung vorantreiben; denn der Euro ist vonherausragender politischer Bedeutung. Dann wäre Griechenland vielleicht tatsächlich nur so etwas wie eine Wehe bei der Geburt der Vereinigten Staaten von Europa.

 

Handelsblatt: Wann erscheint das Buch?

Im Oktober. Bis dahin wird sich der Euro schon noch halten. Und hoffentlich auch noch sehr lange danach.


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