Interviews

10.06.2010: "Das Schweigen der Banker" - Interview mit Markus A. Will

erschienen im kommunikationsmanager Ausgabe 2/2010

 

Im jüngst veröffentlichten Interview erzählt Markus A. Will, warum aufklärender Journalismus gerade auch in Krisenzeiten eine so bedeutende Rolle spielt und wie mit Legosteinen komplizierte Finanzinstrumente einfach beschrieben werden können.

 


Autor Markus A. Will

Herr Will, in Ihrem Thriller „bad banker“, der im September zum zweiten Jahrestag der Lehman-Pleite auf den Markt kommt, ist der PR-Berater der Böse und die Journalistin die Gute. Klingt nach Stereotypen, oder?

 

In diesem Fall ist es jedenfalls die Beschreibung der Realität: Die Medien haben erklärt, was in der Finanzkrise passiert ist, nicht die Banken. Ich nenne dies in einer Szene „das Schweigen der Banker“. Die Medien haben den betroffenen Menschen Erklärungen gegeben. Journalisten und auch Politiker haben eine sehr positive Rolle in dieser größten Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren gespielt, auch kommunikativ.

 

Denken Sie nur daran, wie Merkel und Steinbrück die Einlagen der Sparer garantiert haben. Der böse PR-Berater ist letztlich nur der Handlanger des narzisstischen Investmentbankers. Beim Leserkreis dieses Magazins muss ich sicher nicht auf den einen oder anderen Fall der letzten Monate hinweisen, bei dem die Rolle der PR-Berater kritisiert wird. Beides, guter Journalismus und schlechte PR, ist in der Realität doch nun wirklich anzutreffen.

 

Warum haben Sie einen Roman geschrieben und kein Sachbuch?

 

In der Tat habe ich mir überlegt, ob ich besser ein Sachbuch oder eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben sollte. Am Ende fand ich diese Art der Aufarbeitung der Finanzkrise eine faszinierende Herausforderung für mich. „bad banker“ ist etwas für Thrillerfans und für Finanztraumatisierte. Von beiden gibt es derzeit genug für ein solches Buch. Nur der Roman bietet mir die Möglichkeit, zum einen die Realität über eine Fiktion sehr realitätsnah zu beschreiben und zum anderen diese unglaublichen Dinge, die geschehen sind – auch im Umfeld der Banker in New York, London und anderswo –, in eine spannende Handlung zu packen, die breite Leserschichten anspricht. Wer das alles realitätsnah beschreiben will, muss über Securities und auch über Sex schreiben. Das geht in einer wissenschaftlichen Analyse vergleichsweise schlecht. Und die fachliche Komplexität kann man, enn man ein bisschen nachdenkt, aus meiner Sicht anschaulich darstellen. Ich habe das Rating der Subprime-Kreditbündel beispielsweise mit Legosteinen in unterschiedlichen Farben erklärt. Das kennt nun wirklich jeder.

 

Kann ein Roman denn noch realistisch sein, wenn Sie mit Legosteinen arbeiten?

Ist das Thema nicht viel zu ernst?

 

Ich habe bei Hans K. Herdt und Winfried Reimann bei der Börsen-Zeitung mein Handwerk gelernt. Beide sind große Vorbilder dafür, komplizierte Sachverhalte verständlich erklären zu können. Und wenn Legosteine dabei helfen – warum nicht? Zum Realitätsbezug nur einen Hinweis: Als ich das Komplott mit meinen so süß klingenden Holiri-Zertifikate mit mehreren zehn Milliarden Dollar plante, kam mir das für einen Moment zu hoch vor. Wenige Wochen später kam Bernie Madoffs Betrugsvolumen von 50 Milliarden Dollar raus. Voilà, habe ich nur gedacht: Das gibt es doch gar nicht. Solche Momente, in denen ich beim Schreiben von „bad banker“ von der Realität überholt wurde, gab es mehrere.

 

Sind denn die Banker wirklich so schlecht, dass sie für diesen Titel herhalten mussten?

 

„bad banker“ leitet sich von der Bad Bank ab – der Institution, in die die ganzen toxischen Papiere ausgelagert werden müssen, die ansonsten die Banken bilanztechnisch umgebracht hätten, wenn sie nicht anderweitige staatliche Hilfen erhalten hätten. Insofern ist der Titel „bad banker“ sicher legitim, denn die haben das Drama schließlich zu verantworten – anders übrigens als in der sogenannten Griechenland- und Euro-Krise, bei der die Schuld bei den Staaten und ihren Schulden und damit bei den „bad politicians“ liegt.

 

Schlechte Banker und schlechte Politiker. An wem lassen Sie denn noch ein gutes Haar?

 

Moment mal! Erstens ist der überwiegende Teil der Bankangestellten sehr gut und anständig. Nur Teilen des Investmentbankings ist die Erdung verlorengegangen, nur diese Gruppe erhält auch die sehr hohen Boni. Wenn ein unter Dreißigjähriger mehrere Millionen Dollar nach Hause tragen kann, stimmt etwas im Anreizsystem nicht. Zweitens bin ich im Roman voll des Lobes für die Politik während der Finanzkrise. Ohne Merkel, Steinbrück, Weber und ein paar andere hätte das sehr übel ausgehen können, die haben viel mehr für die Rettung des Systems getan als jeder Banker in Deutschland. Unabhängig davon ist die aktuelle Euro-Krise eine politische Krise, bei der die Hedgefonds „nur“ eine labile Situation ausnutzen und die Banken an den Anleiheemissionen verdienen. Das ist sicher auch nicht alles okay, insbesondere die verstärkende Wirkung der Hedgefonds-Wetten, aber eingebrockt haben uns diese Krise die Politiker, die seit Jahrzehnten nicht haushalten können. Und das ist dann wieder ein Kommunikationsthema, dass die Banken sich hier so den schwarzen Peter zuschieben lassen.

 

Alles immer nur ein Kommunikationsthema?

 

Es gibt sehr viele Facetten, die zu der Krise geführt haben, die mit der Pleite von Lehman Brothers ihren plakativen Höhepunkt fand. Eine davon ist sicher auch Kommunikation, und zwar in folgendem Sinne: Ich sehe eines der großen Probleme der Banken in der Gesellschaft darin, dass diese Branche oder, genauer, Teile dieser Branche in einer Parallelwelt verharren und vom wahren Leben kaum eine Ahnung haben. Das heißt letztlich, dass hier nur sehr unzureichend miteinander kommuniziert wird, womit wir beim klassischen Kommunikationsprozess angekommen wären. Im Grunde ist „bad banker“ ein Appell zum „good banking“, an die Hoffnung auf Einsicht, auch zu notwendigen Reformen und Regulierungen, ohne die es nicht gehen wird. Denn kaum eine andere Branche ist für das Funktionieren der Wirtschaft wichtiger als die Banken, weil nur sie, wie es in der Geldtheorie heißt, den „den Transaktionsprozess dominierenden Wert“, eben das Geld, verwalten. Ohne Banken kein Geld, ohne Geld ginge es zurück in die Tauschwirtschaft. Das kann niemand wollen. Das wissen eigentlich auch die Banker selbst. Rolf-E. Breuer, der frühere Chef der Deutschen Bank, sagt über den Roman: „Wills ‚bad banker‘ ist eine spannend erzählte Story und hält dem Finanzwesen einen entlarvenden Spiegel vor.“ Das will ich tatsächlich.

 

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