Rezensionen

Ein Banker im Rausch der Macht erschienen in der WAZ 16.09.2010

Markus Will, der für große Finanzhäuser tätig war, hat ein Buch über die Finanzkrise geschrieben –

es wurde ein Thriller

 

Markus Will sitzt in der Lobby eines Essener Hotels und spielt mit seiner Lesebrille. An den Nachbartischen sitzen Menschen, die wirken, als warte die nächste Investorenkonferenz auf sie. Im Fernsehen laufen die Börsenkurse. Markus Will wirkt nachdenklich. Er kennt diese austauschbaren Aufenthaltsorte der Manager zur Genüge. Einige Jahre lang hat er für die Finanzhäuser Merrill Lynch und Deutsche Morgan Grenfell gearbeitet. Auf seiner Visitenkarte mit Londoner Adresse stand „Kommunikationsdirektor“.

 

Jetzt denkt Will laut darüber nach, ob er sich lieber mit oder ohne Krawatte fotografieren lassen möchte. Es scheint, als stelle er sich permanent die Frage, wie viel Nähe oder Distanz er zum Wirtschafts- und Finanzbetrieb zeigen soll. Vor ein paar Wochen hat der 46- Jährige die letzten Zeilen eines Thrillers geschrieben, der sich kritisch mit der Bankenwelt befasst, mit Gier und menschlichen Abgründen. Nun habe er „mixed feelings“, wie er sagt: gemischte Gefühle. Markus Will, der heute in der Schweiz wohnt und dort als Unternehmensberater arbeitet, ist in Oberhausen aufgewachsen. In seine alte Heimat Ruhrgebiet ist er gereist, um über seinen Roman „Bad Banker“ zu sprechen. Vor ihm auf dem Hoteltisch liegt ein Vorabdruck des Buchs, das zum Jahrestag der Lehman-Pleite auf den Markt gekommen ist. Am 15. September 2008 ging die US-Investmentbank bankrott und löste damit die weltweite Finanzkrise aus.

 

Will ließ sich von der realen Katastrophe zu einem Romantext inspirieren. „Was ich schreibe, hat so nicht stattgefunden. Aber es hätte so stattfinden können“, sagt er. „In meinem Buch verarbeite ich allgemeine Beobachtungen, die ich schon vor 15 Jahren in London und New York machen konnte.“ Allerdings sei sein Thriller kein Insiderwerk: „Alles ist erfunden.“


Für seinen 730 Seiten starkenWirtschaftsroman hat sich Will die Figur eines Wall-Street-Bankers ausgedacht, der glaubt, niemand könne ihn aufhalten. Mitch Lehman jongliert mit Milliarden. Er berauscht sich an Macht, Geld und seinem großen Ego. „Ich beschreibe die Verrücktheiten einer Parallelwelt, die sich im Investment-Banking entwickelt hat“, erzählt der Autor. Es habe ihn überrascht, dass seine Fiktion an vielen Stellen
von der Realität überholt worden sei, sagt Will. „Als ich für das Buch ein Komplott mit Zertifikaten in Höhe von zehn Milliarden Dollar erfand, kam
mir die Summe zunächst zu hoch vor.WenigeWochen später wurde die Betrugsaffäre um Bernie Madoff bekannt. Hier ging es um atemberaubende 50 Milliarden Dollar.“ Im Roman kommt Mitch Lehman ein gewisser Carl Bensien, ein Schweizer Bankier der alten Schule, mit Hilfe der Journalistin Carla Bell auf die Schliche. Ein Wettrennen beginnt.

 

„Bad Banker“ ist Wills erster Roman, wobei „bad“ ebenso gut „böse“ oder „schlecht“ heißen könnte. Bewusst habe er kein Sachbuch geschrieben, sagt der Autor, der als Privatdozent an der Universität St. Gallen lehrt und außerdem eine Unternehmensberatung für Kommunikationsmanagement betreibt. Es sei ihm darum gegangen, vermeintlich komplexe Vorgänge in der Wirtschaft so zu beschreiben, dass sie für breite Leserschichten verständlich werden. „Ich will so über wirtschaftliche Zusammenhänge schreiben, dass sie jeder versteht“, sagt Will. „Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, spricht in der Regel eine klare Sprache.“ Seine Herkunft habe ihm „beim Schreiben geholfen“.

 

Ein Zurück in die Welt der Investmentbanker kommt für Will nach den Erfahrungen, die er gesammelt hat, längst nicht mehr in Frage. „Ich habe meiner Frau schon über zehn Jahre vor der Lehman-Pleite am Frühstückstisch gesagt: Ich will in diesem Business nicht weiterarbeiten. Ich halte
es für verrückt und abgehoben. Ich möchte lieber in derReal-Wirtschaft arbeiten.“ Will blickt auf die Uhr. Er hat noch einen Termin und möchte zu Fuß zum Bahnhof gehen. Vor der Tür des Hotels rauchen ein paar Gäste. Will sagt: „Dass ich gelegentlich eine Zigarre rauche, war und ist ein Laster, das ich aus meiner Zeit im Investment-Banking übernommen habe.“ Viel, so scheint es, verbindet ihn nicht mehr mit seiner Vergangenheit in der Finanzszene.

 

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